Dieser Artikel ist eine wörtliche, unverfälschte Transkription des Originalartikels aus dem Jahre 1926.

Aus heutiger Sicht ethisch fragwürdige Ausdrucksweisen und Inhalte, sowie variierende Rechtschreibung sind nicht ausgeschlossen, wurden aber zwecks Authentizität nicht zensiert.


Scherz und Ernst im Rätselspiel

von Hermann Rall / 1926

Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens Heidi Fial Archiv Rebus Bilderrätsel

Eine der neuesten Gaben, mit denen die „neue Welt“, Amerika, das alte Europa beglückt hat – denn die Geberrolle spielen nun einmal jetzt die reichen, tonangebenden Vereinigten Staaten -, war der Kreuzworträtselzug. Die schwarzen Flecken traten als bald in allen Zeitschriften und Zeitungen auf, lese versuchten die Schriftleitungen darum; kein Wunder, wenn man diesen Modeerzeugnissen überall begegnete. Selbst in ernste Fachbretter, die bisher nur den zum Bau gehörenden Raum in ihren Spalten gewährt hatten, drum das Kreuzworträtsel ein. Was war nun eigentlich das anziehen da an diesen Rätseln? Der auf Beobachtung und geistesgegenwärtige Ausnutzung günstiger Kombinationen und Konjunkturen angestellte Amerikaner dressiert seinen Verstand mit Vergnügen an dem Erraten der in die von kreuzweis, hoch und quer laufenden Linien gebildeten Felder gehörenden Buchstaben. Man hat Verstand und – Wörterbücher. Die Technik des Kreuzworträtsel ratenslässt sich lernen. Amerikanischer Geschäftssinn hat sogar praktische Zwecke damit verbunden und alle Tricks der Reklame angewandt, das Kreuzworträtsel zum Schlager zu machen und in direkt zur Warenempfehlung auszubeuten.

 

Für uns hat die voraussichtlich bald wieder verebbene Bewegung transatlantischen Ursprungs vielleicht das gute, daß der Sinn für Scherz und Ernst im Rätselraten überhaupt wieder etwas lebendiges wird. Es gibt allerdings schon jetzt kluge von übermorgen, die in der Größe ihrer Neuzeit Geistigkeit von dem Schrecken vor allem schon früher da gewesenen so geschüttelt werden, dass sie gegen das Wiedererwachen der Freude am Rätsel als einer alten, überwundenen Kindlichkeit und dem Philisterstubenglück der Gestrigkeit protestieren zu müssen glauben.

 

Rechten muss man mit solchen Leuten nicht. Besser ist es, sich unvoreingenommen einmal zu vertiefen in alles das, was für uns aus deutschem Erbe und eigenem Empfinden in dem Rätsel beschlossen liegt. Es gibt gewiss einen nichts weniger als toten, vielmehr immer neue grünenden Garten des Rätselspiels, und darauf nur kommt es an, dass uns die besten, dass uns Dichter und feingestimmte Seelen seine Schönheit neu erschließen.

 

Uns sind Rätsel schon deshalb bedeutungsvoll, weil sie schon vor vielen 1000 Jahren die besten und klügsten beschäftigt haben. Es muss doch etwas daran gewesen sein, wenn die ungewöhnlich kluge Königin von Saba den durch Scharfsinn und Weisheit bis in ferne Welt Teile berühmten König Salomon in Jerusalem aufsuchte, um ihn durch Rätsel auf die Probe zu stellen. Die Veden der Inder, die Schriften persischer und arabische Dichter, die Makamen des geistvollen Hariri, die Edda und die Bibel, die heiligen Schriften östlicher und westlicher Urzeit enthielten Rätsel. Die Weisesten Griechenlands und ihre Dichter liebten es, in Rätseln zu sprechen, Schicksale wurden verkündet in Rätselnsprüchen, und als Krönung der Genüsse weiterer Gastmähler gab man den Freundin Rätsel zu raten auf.

 

Auch die altnordische und angelsächsische Literatur ist reich an Rätseln. Kunstvolle Formen entnahmen die Mönche des Mittelalters römischen Vorbildern und pflegten sie weiter. Dem Wettstreit im Sängerkrieg auf der Wartburg liegt ein Rätselgedicht aus dem 13. Jahrhundert zugrunde. Höchste Weisheit, tiefste Lebenswahrheit hüllte sich also zu allen Zeiten und bei hochstehenden Völkern in die kunstvolle Verkleidung des Rätsels, um desto eindrucksvoller, gleichsam wie die Blüte aus der Knospe hervorzubrechen.

 

Nicht lediglich auf Worte, die laut Wörterbuch existieren, auf schönen und tiefen Sinn, der in den Worten liegt und hinter ihnen lockend sich verbirgt, kam es bei diesen alten Rätseln an! Es ist eigentlich verkehrt, von Welträtseln zu sprechen, wenn man doch damit gerade das bezeichnen will, was man nicht erwarten kann, was über unseren Verstand geht und anscheinend der Vernunft entbehrt.

 

Das Rätsel ist die poetische Umschreibung von Wahrheiten, die der Verstand finden, erraten und ermitteln kann, und in dem Versteckenspiel, indem absichtlichen Irreführen durch ähnliche, aber grundverschiedene bedeutende Merkmale und endlichem Zurechtfinden liegt der Reiz des Rätsels. Worauf beruht die Schönheit des poetischen? Doch eben so, wie beim Rätsel, auf der bildhaften, das Wesentliche vor Augen rückenden und doch das Letzte unausgesprochen lassenden Ausdruckskunst.

 

Sieh selbst und suche! Der Dichter wie der Rätselkundige müssen es verstehen, das gesuchte treffend zu schildern, und es doch nicht gleich zur Anschauung gelangen zu lassen. Beide wählen deshalb unter den Merkmalen gern solche, welche einander zu widersprechen scheinen, oder solche, die auf einzelnes zutreffen aber nicht auf die Gesamtheit.

 

Der romantische Dichter Wackernagel sagte vom Rätsel: „Versinnlichung des Geistigen, Vergeistigung des Sinnlichen, verschönernde Erhebung dessen, was alltäglich vor uns liegt, alles das gehört zum Wesen des Rätsels, wie es zum Wesen und den Mitteln der Poesie gehört. Die ursprüngliche Fassung des Rätsels ist eine Frage, die, wenn sie Antwort findet, oft auf einen Witz, auf einen harmlosen Scherz oder Spott hinausläuft, denn der Ratende hat etwas ganz anderes erwartet. „Was ist für ein Unterschied“, pflegen viele solche Rätselfragen zu beginnen, beispielsweise „zwischen dem Alphabet und dem menschlichen Leben?“ Die Antwort lautet: „das Alphabet hat nur ein W, das menschliche Leben viele W (Wehe)“. Oder: „warum sind Diebe klüger als Ärzte? – Die Diebe wissen immer was den Leuten fehlt, der Arzt muss es erst suchen.“ Scherzfragen waren es meist, die so gestellt wurden, dass man es bei der Beantwortung mit der Orthographie nicht so genau nehmen durfte. „In welchen drei deutschen Städten gibt es täglich vier mal T? In Stuttgart, Hettstedt und Buttstädt“.

 

Rätsel, die in poetischer Form ein Wort zu erraten aufgeben, sogenannte Worträtsel, haben auch deutsche Dichter nicht verschmäht zu ersinnen. Schiller, Theodor Körner, Bürger und Krummacher, Langbein, Müller, Rückert und andere, auch Gelehrte wie Schleiermacher, Herder und Metzger haben Rätseldichtungen von bleibendem Wert hinterlassen.

 

Goethe, der zwar im Allgemeinen vom Rätselspiel nicht viel hielt, erkannte doch gerne an, dass Schillers Rätsel sehr schön und von hohem Eindruck seien“. Und wer würde dem nicht bei Stimmen in Beziehung auf das bekannte Rätsel Gedicht:

 

„Von Perlen baut sich eine Brücke

Hoch über einen grünen See.

Sie baut sich auf im Augenblicke,

Und Schwindel und steigt sie in die Höh'.

Der höchsten Schiffe höchsten Masten ziehn unter ihren Bogen hin.

Sie selber trug noch keine Lasten

Und scheint, wie du ihr Name ist, zu fliehn.

Sie wird erst mit dem Strom und schwindet

Sowie des Wassers Flut verfliegt.

So spricht, wie sich die Brücke findet

Und wer sie künstlich hat gefügt.“

(Regenbogen).

 

Wir haben einen alten poetischen Rätselschatz, der immer wieder vielen Freude machen und tiefere Empfindungen erwecken könnte, weil viele außer den zu erwartenden Wortsinn noch einen höheren, allgemeinen menschlichen erkennen lassen, für den der Erstere nur ein Gleichnis ist.

 

Warum sollten wir nicht auch heute wirkliche Künstler tiefere Gedanken in die poetische Form des Rätsels kleiden können? Mögen Sie Ihnen doch ein neuzeitliches Gewand, wohl auch einen das Gegenwartsleben berührenden Inhalt geben; Das Rätselspiel könnte heute so gut wie ehedem Dichter zur Behandlung reizen. Je öfter sich mehr wie durchschnittliche Begabungen diese Unterhaltungsmöglichkeit annehmen wollten, desto sicherer würde es über eine bloß äußerliche, technische Fertigkeiten gehoben, einem rationalistischen, flachen Zeitgeist entzogen. Nicht nur der Verstand, auch Phantasie und Gemüt könnten und sollten im Rätselspiel angeregt werden. Das Bedürfnis nach Betätigung des Spieltriebs, der freien Beweglichkeit der Phantasie wie der synthetischen und logischen Leichtarbeit des Verstandes als wohltuende Beschäftigung für Erholungsstunden ist zweifellos da.

 

Je nachdem es gelenkt wird, kann es seichter oder auch veredelter und vertieft werden. Gerade weil die Tagesgeschäftigkeit das eigene Tummeln des Geistes vielfach im monotonen Handfertigkeitsdienst aufschließt, und Weil das Leben unsere Zeit so sehr in Gefahr ist, liebeleer und seelenlos zu werden oder nur von geräuschvollen, nervenaufpeitschenden, aber Leerheit und Ermattung hinterlassenden Vergnügungen unterbrochen wird, müsste jede Beseelung der Unterhaltungsmöglichkeiten, also auch der bescheidenen, häuslichen des Rätselsspiels, als Dienst am Volk gelten.

 

Abwechslungsmöglichkeiten gäbe es genug. Die Variationen das Worträtsels durch Umstellungen, Auslassungen oder Hinzufügung von Buchstaben sind so mannigfaltig, das rasche Erschöpfung nicht zu befürchten wäre. Anagramme, die vorwärts und rückwärts gelesen je ein Wort ergeben, wie Nebel und leben, oder Palindrome, die von rechts nach links das gleiche ergeben wie von links nach rechts, wie zum Beispiel „neben“ oder „stets“, sind allerdings begrenzt, da der Sprachschatz nur wenige enthält. Aber die Scharade hat in der Zusammensetzung von Worten, die also mehrere Teillösungen und eine Gesamtlösung erfordern, eine Fülle von Abwechslungsmöglichkeiten. Scharaden zu raten war deshalb im Gesellschaftsleben, besonders zu Anfang des 19. Jahrhunderts, eine beliebte, viel Witz und Geistesgegenwart beanspruchende Lieblingsunterhaltung. Anmutige Neckerei und verblümte  Liebeserklärungen konnten sich in den Rätselandeutungen der Scharade verstecken. Selbst die einfachsten haben oft einen gemütvollen Ton, wie etwa das folgende:

 

„Die ersten lenken die rüstige Fahrt,

Die letzte schmückt sich mit staatlichem Bart.

Und geht's in die Brandung des Lebens hinein,

So mag die Liebe das ganze sein.“

(Steuermann)

 

Mechanische sind schon die verschiedenen Rätselraten, bei denen es lediglich darauf ankommt, willkürlich auseinandergerissene und zerstreute Silben wieder zu sinngebendenWorten zusammen zu suchen. Da gibt es Silbenzusammensetzspiele oder so genannte Silbenrätsel, oder, je nach dem Sinn der gesuchten Worte, Geographie –, Literatur –, Geschichtsrätsel und anderes mehr. Bescheiden nur mag die Denktätigkeit dabei sein, aber sehe genügt doch oft gerade auch für Menschen, die auf einem Schmerzenslage sich nicht viel zumuten dürfen und doch so sehnsüchtig Erlösung von der Langweile oder noch Schlimmerem, von finsteren Gedanken der Mutlosigkeit wünschen. Auf eine gewisse Methode des Silbenzusammensuchens kommt es auch beim Rösselsprung an, der seinen Namen dem Schach entlehnt. Wie bei jenem scharfsinnigen Brettspiel für das „Rössel“ die Bedingung besteht, nur zwei Felder nach irgendeiner Seite zu „springen“, so soll auch der Zug des Silbensuchenden diese Grenzen gebunden sein. Das Finden ist gar nicht so leicht, und ein besonderer Reiz liegt im poetischen Wert des Ergebnisses, des Liedes oder Sinnspruches, die bei der Lösung herauskommen.

 

Eine Rätselform, auf die man sich vor 40 oder 50 Jahren noch weit besser Verstand als heute, ist das Bilderrätsel. Es gibt heute leider nur wenig gute Rätsel dieser Art. Das liegt wohl daran, dass es in unserem geschäftsgeübten Geschlecht seltener humorbegabte zeichnerische Talente gibt, denen es Freude bereitet, ihre Zeichenkunst einmal an so engbegrenzten Darstellungsmöglichkeiten zu erproben und dabei launisch den Raten denn ein wenig irre zu führen und zu foppen. Bilderrätsel, die sich nicht über das Stammeln der Kinderlesefibel erheben, können nicht allgemein befriedigen. Wenn aber, wie der Rebus in alter Zeit ist meist tat, ein Sprichwort oder eine Sentenz in eine Reihenfolge von drolligen Bildhindeutungen wiedergegeben sind, deren Sinn man trotz mancher Irreführung erraten muss, hat der Künstler kein geringeres geleistet, und die Lösung bereitet umso mehr Spaß, je mehr sie auf einem Scherz beruht.

 

Man war freilich nicht ängstlich auf Rechtschreibung dabei bedacht, und manche Lösung begrüßt man unwillkürlich mit einem zwerchfellerschütternden „Au!“ wie bei einerm witzigen Kalauer. Sollte es denn heute wirklich so wenig künstlerisch Begabte geben, die auch diese Aufgabe reizen könnte? Der klingende Erfolg dürfte nicht ausbleiben. Ein gutes, wirklich humorvolles, künstlerisches Bilderrätsel würden die meisten Redaktionen gerne aufnehmen. Möglichkeiten für neue Betätigung im Erfinden von Rätseln böten sich also genug, und Menschen, denen solche Gaben für ihre Feierabendstunden willkommen wären, fehlen gewiss auch nicht.

 

Man sollte nur erkennen, daß im Besinnen auf solche harmlose, nur anregende, nicht nervenaufreizende, Verstand und Gemüt beschäftigende Unterhaltungsformen, wie der verschiedenen Rätselarten, mehr beschlossen ist, als oberflächliche Beurteilung zunächst meint. Das moderne Leben krankt an Übertreibungen, nicht zuletzt in den Genüssen. Die daraus entstehende Gereiztheit und Nervosität, die nachfolgende Erschlaffung und Unbefriedetheit sind das Alleruntauglichste für die notwendige körperliche und geistige Erstarkung zur Qualitätsleistung im Wettbewerb. Die Veräußerlichung und die Mechanisierung, die frivole Unterhöhlung des Lebens durch Reizgifte und die Pfefferung mit allem Bizarren, nur Geräuschvollem und Niggerhaftem sind bedenkliche Zeitmängel. Gibt dem Leben wieder mehr schlichten, aber tiefen Sinn, lasst den Scherz der nicht nur müßigen, sondern gute Muße gebenden Feierabendstunde durchschimmert sein von edlem Ernst, und auch in das Kleine und Kleinste, wie zum Beispiel in Scherz und Ernst des Rätselspiels, kann ein Stück Pflege würdiger Menschlichkeit hineingelegt werden.


Bibliothek der unterhaltung und des Wissens Jahrgang 1926 / Band 11 / Seite 150